Horst Schwebel: Malerei kommt von Liebe

Gespräch mit Prof. Dr. Horst Schwebel [Auszug]

(die Fragen an Barbara Heinisch sind kursiv gesetzt)

Sie sind Malerin und Performance-Künstlerin. Wie sind Sie dazu gekommen, Performances in Ihr Werk aufzunehmen?
Ausgangspunkt war für mich ein Unbehagen am Aktzeichnen-Unterricht. Was ich in der Akademie erlebt habe, empfand ich als eine Zumutung für die Menschen. Ich empfand dies so entwürdigend, daß ich persönlich darunter gelitten habe, wie die Modelle behandelt wurden. So als Objekte... Man hat sich schematisch und instrumentalisierend mit den Menschen beschäftigt.

Männer und Frauen?
Egal, beide Geschlechter. Dies hat mich sehr zornig gemacht. ich habe mich auch dazu geäußert, bin aber auf Granit gestoßen, habe mich schließlich zurückgezogen und im Atelier erst einmal selbständig weitergearbeitet.

Die Modelle sollten nicht mehr Objekte sein. Welchen Weg haben sie beschritten, um das anders zu machen?
Ich habe mich mit meiner ganzen Person in die Malerei eingebracht. Das führte zu einer experimentellen Arbeitsform. Ich habe z.B. 1975 als Selbstpörtrait einen Film gezeigt, der heißt: Wie lange wollen Sie noch beim ersten Schritt bleiben?" Das Zitat ist von meinem ehemaligen Lehrer Joseph Beuys. Da habe ich mir ein monochrom rotes Bild über den Kopf gezogen, den Rand hochgeklappt und mein Gesicht mit seinem wechselnden Ausdruck in der Fläche filmen lassen.
Zum Schluß der Aktion, es war meine erste, habe ich das Bild über meinen Körper gezogen, bin herausgestiegen und habe es so, durchstoßen, neben ein unversehrtes, ebenfalls monochrom rot gemaltes Bild gehängt. In einer anderen Aktion habe ich mir Stoff ums Gesicht gewickelt und mein Gesicht blind mit Fingerfarbe gemalt. Mein Bemühen war, mich unmittelbar selbst zu erfahren. Danach habe ich es mit anderen Körperteilen ebenso versucht - etwa mit den Armen -, war aber mit dem Resultat nicht zufrieden. Aus diesem Grund bin ich dann zu anderen Personen gekommen. Die Identifikation mit dem anderen Menschen war und ist mir wichtig. Anfangs waren es Freundinnen und Freunde, die ich gemalt habe. Nur Freunde und Freundinnen haben nicht unbegrenzt Zeit.

Wie sind Sie bei den Personen vorgegangen? Sie konnten ihnen ja nicht einfach eine Leinwand über den Kopf legen? Wie wurden sie plaziert? Welche Freiheiten hatten sie?
Anfangs hat sich diejenige oder derjenige auf den Boden gelegt. Ich habe ein Tuch darüber gebreitet und aus unmittelbarer Nähe gemalt.

Haben Sie die Personen auch berührt? mit den Händen?
Ja, denn ich hab' damals Fingerfarben benutzt. Der Vorgang hatte aber trotzdem eine sehr befremdliche Wirkung auf mich, weil das Tuch, unter dem der Mensch still lag, wie ein Leichentuch auf mich wirkte. Ais Ausgangspunkt fand ich das sehr unpassend und nicht meinen damals noch sehr vagen Vorstellungen entsprechend. Als Bild mißlang diese erste Form ebenfalls.
Bald darauf habe ich eine Freundin gebeten, daß sie sich an die Wand stellt, habe eine Leinwand über sie gespannt und danach - unmittelbar ausgehend von den erscheinenden Konturen und Körperformen - den Körper umgesetzt in Malerei.

Die Körper biegen sich in die Fläche hinein, so daß reliefartige Körperabdrücke entstehen.
Das ist Körpermalerei. Abdrücke durch die Körper selbst - wie bei Yves Klein - gibt es bei mir nicht, weil ich die Farbe von außen auftrage mit einem Pinsel, manchmal auch mit den Fingerspitzen. Bei gewissen Konturen und Linien ist das eine Arbeitserleichterung.

Schließlich kommt es zu einer Interaktion zwischen Ihnen und einer anderen Person?
Es trat bald von seiten der zu realisierenden Person die Bewegung hinzu. Das Statische wurde aufgegeben. Der andere konnte sich frei bewegen. Es kamen auch noch tänzerische Momente hinzu, darstellerische und thematische Überlegungen.

Kommt es nicht zu einer großen Spannung? Auf der einen Seite ist hinter der Leinwand eine Person, auf die Sie ausgerichtet sind, auf die Sie reagieren. Vorne aber wollen Sie ein Bild zustande bringen, das auch dann, wenn die Person nicht mehr da ist, noch immer gültig sein soll. Oder spielt das Endprodukt im Augenblick, wenn Sie malen, keine Rolle?
Es spielte am Anfang nur eine sekundäre Rolle, ob das Bild am Schluß gelang. Wichtig war für mich vor allem die Erfassung des Augenblicks. Das, was wir uns als Thema gestellt haben, was ich erreichen will. Ich habe Performances gezeigt, wo es mir nicht darauf ankam, daß das Bild nachher existiert, sondern wo es einzig darauf ankam, daß die Aktion überhaupt stattgefunden hat, daß sie in ihrer vollen Intensität sichtbar wurde.

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Verbinden Sie Personen mit gewissen Farben? Löst eine Person oder eine Körperhaltung ein Rot aus, während Sie bei jemand anderem eher an verhaltene Farben denken?
Dies kann ich nicht sagen. Es hängt vom Gesamteindruck ab, von den Vorgesprächen, die wir geführt haben. Ich male ja nicht sofort, sondern dem gehen mindestens zwei, drei Treffen voraus, wo man intensiv miteinander spricht und sich geistig austauscht. In der Folge entwickelt sich ein Eindruck oder ein Bild von dieser Person. Das ist nicht von Anfang an da. Ich kann einen fremden Menschen nicht sofort zu einem Bild werden lassen. Es hat immer etwas mit Portrait zu tun.

Und die Personen sind nicht in dem Sinne Objekt wie bei der Akt-Malerei.Sie bewegen sich.
Sie bringen sich ein, sie bestimmen das Bild mit. Sie bestimmen den Ausdruck mit und den Augenblick. Ich verlange vom anderen, daß er sich mit der gleichen Intensität einbringt, wie ich es beim Malen tue. Ich will, daß der andere sich nicht entzieht. Er soll da sein, ganz wach und ganz lebendig. Ich will keine tote müde Puppe, sondern jemanden, der anwesend ist, der präsent ist.

Und zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt geschieht es dann, daß das Bild aufgebrochen wird. Was ist das für eine Situation, in der es durch den Partner zu einem Riß kommt? Was spielt sich da ab?
In der Regel ist das der Schlußpunkt oder der Schlußstrich unter die Performance. Dem ging ein langer Prozeß voraus von verschiedenen Formen der Sichtbarwerdung des Körpers, der Mentalität, des Verhältnisses. Der Augenblick, in dem der andere aus dem Bild tritt und sich mit dem Bild vereinigt, den finde ich phantastisch.

Tritt er von sich aus heraus, oder geben Sie ihm ein Zeichen?
Ich gebe einen Hinweis, weil der andere ja nicht weiß, wann das Bild fertig ist. Ich will nicht, daß das Bild zerstört wird.

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Man kann also sagen: Wenn die Person durchstößt, ist das Bild fertig? Das ist fast ein symbolischer Vorgang, wenn einer das Bild durchstößt und auf Sie zukommt. Lieben Sie die Menschen, die Sie malen? Könnten Sie dies mit jedem machen?
Ich kann das nicht mit jedem machen. Ich brauche eine gewisse Sympathie und brauche vom anderen das Bewusstsein und die Bereitschaft dazu, eine Übereinstimmung im weitesten Sinne, nicht im Detail. Lieben ist ein großes Wort. Ich habe einmal gesagt: Malerei kommt nicht von Kunst, sondern von Liebe. Ich meine, wenn ich male, dann entäußere ich mich, dann zeige ich mich viel deutlicher und klarer als im alltäglichen Leben. Ich kann in dieser Weise nicht täglich malen. Das sind für mich herausragende Momente.

...

Welche Rolle spielt der Tod in diesen Werken? Es geht ja manchmal auch um chaotische und abgründige Dinge. Hat das etwas mit Tod zu tun?
Eigentlich nicht. für mich sind die Bilder wichtig, die sich gegen den Tod behaupten. Sie sind eher eine Beschwörung des Lebens, eine Bejahung des Blutes. Ein Toter hat kein fließendes Blut. Das Blut zirkuliert, es zirkuliert auch nach außen.

Hat das etwas mit Religion zu tun?
Ja, das sehe ich schon. Die Bejahung des Lebens verlangt eine religiöse Grundhaltung.

Ist das eine Art Urvertrauen?
Ja. Vielleicht hängt das mit frühkindlichen Erlebnissen zusammen. Vielleicht ist es etwas anderes.

Man könnte sagen, daß bei Ihnen der Körper entdeckt wird als eigenständige, pulsierende Energiequelle. Und nun findet dieses Pulsierende im Bild seinen sichtbaren Ausdruck.
Das ist für mich ideal, wenn ich das erleben darf. Da bin ich sehr froh darüber. Aber ich erlebe es selten und es braucht auch von mir ein Äußerstes an Anstrengung, genauso wie vom anderen. Man braucht im Grund einen glücklichen Augenblick.

Dann ist das Bild ein Teil eines Kommunikationsvorgangs, Teil einer Energieübertragung.
Vom anderen zu mir. Die Energieübertragung geschieht über die lebendige Leinwand. Ich arbeite auf dem lebendigen Körper, das ist eine ganz andere Vorgehensweise. Wenn normalerweise ein Maler anfängt, hat er eine, sterile Fläche, der er Leben einzuflößen versucht.
Ich gehe vom Leben aus und versuche, das Leben in seiner Überdeutlichkeit sichtbar werden zu lassen. Ich will den anderen ganzheitlich erfahren und genauso mich selbst und die Farbe.
Das ist für mich Schöpfung. Es ist ein großer Begriff, aber man schafft ein Bild.

Würden Sie in diesem Zusammenhang von Transzendenz sprechen?
Ja, sicher.

In welcher Weise wird Transzendenz angesprochen?
Der oder die andere ist gesteigert, geht aus sich selbst heraus. Ich versuche den anderen auf etwas hinzubewegen, was eigentlich ein Geistiges ist. Das ist die Stärke des Bildes, wenn es nicht nur bloßes Abbild ist, sondern ein Übersteigen des Augenblicks.

Transcendere wörtlich übersetzt heißt überschreiten, durchschreiten. Verstehe ich Sie recht: Im Durchschreiten der abgebildeten Person durch das Bild wird es sogar ganz wörtlich verstanden. Aber nicht nur auf diesen Punkt wäre Transzendenz zubeziehen. Der Körper selbst, Ihr eigener und der der anderen Person, wird als Tor begriffen zu einer Art Transzendenz des Körpers. Aber nicht im Sinne einer Sublimierung, wo alles Körperhafte sich aufgelöst hat, sondern so, daß die Freude des Körpers, das Lachen des Fleisches, sich entfaltet.
Das ist wahr, das sehe ich auch so.

Ist das was Sie machen eine weibliche Kunst?
Ja, unbedingt. Ich denke, als Mann hätte ich das nicht schaffen können.

Wieso?
Ich arbeite von innen nach außen. Ein Mensch steht hinter der Leinwand, erscheint als lebendige Fläche und wird nach außen mit Hilfe der Farben transponiert, um zum Schluß der Aktion dieses Bild von sich selbst zu "entleiben". Es ist mit einer Wiedergeburt vergleichbar. Besonders die Bilder mit den langen Rissen parallel zur Figur oder die durch die gemalte Figur selbst gehen, machen das deutlich. Die Figur ist Träger des von ihr selbst erzeugten Risses, ihrer eigenen Öffnung nach außen. - So zu arbeiten empfinde ich als ausgesprochen weiblich.