Doris Schmidt 1985

Doris Schmidt, Kunst-Journalistin

Die Erfüllung im Bild
Süddeutsche Zeitung, 12. April 1985

Die Bilder der Barbara Heinisch, so expressiv sie sind, so authentisch für die kurze Zeitspanne, in der sie in einem Prozeß von Performance und Malakt entstehen, haben mit der neo-expressionistischen Malerei der vergangenen Jahre so gut wie nichts zu tun. Denn sie sind Zeugnisse einer gemeinsamen Handlung, Beispiele eines inneren Einverständnisses und Ergebnis einer enormen Spannung. Barbara Heinisch arbeitet zwar "mit Modell", aber sie läßt es nicht in einer Pose erstarren. Seine eigene Ausstrahlung, seine eigene Lebendigkeit, so schreibt sie, gehören dazu. Wenn es ihr gelingt, die Bewegungen des Modells hinter einer Leinwand mit Farben auf der Vorderseite der Leinwand festzuhalten, wird solches Ereignis am Ende zur "Komposition". Dieser Aktivierung des Modells hat die Heinisch bisher fast ihre gesamte Arbeit gewidmet. Als Schülerin von Beuys in Düsseldorf und später unter anderem von Hödicke in Berlin ging es ihr sowohl um eine "Öffnung" erstarrter Praktiken wie um das Bild.

Aktion und Bild also, zu neuer Einheit gebracht, auch zu einer bis dahin nicht vorhandenen Beziehung zwischen Malerin und "Modell". Heinz Ohff, der in Berlin eine der ersten Performances mit Malaktion – für Barbara Heinisch geht es am Ende um das Bild – miterlebt hat, schildert das "Ritual" eines solchen Abends als einen der nicht eben häufigen "Höhepunkte in jedem Expertenleben". Denn, so Ohff: "Die Malerin hatte dem besonders unübersichtlich geratenen Mosaik der siebziger Jahre ein Steinchen hinzugefügt, das es einem ermöglichte, den – oder doch zumindest einen – Zusammenhang wiederzufinden, der vorübergehend verloren schien." Sie habe damals – es war 1977 – "einen Weg aufgewiesen, der zwischen und mit all diesen Gegensätzen", das heißt Action und Performance-Art, neues Tafelbild und Kunst-im-Kopf, Minimal-Art und individuelle Mythologie gangbar war.

Die Heinisch ist konsequent geblieben. Nicht Körperabdrücke, wie sie von Yves Klein in seinen Malaktionen mit Modell ins Bild gebracht wurden, sind ihre Sache und auch nicht die Performance, die nur durch Mittel der Dokumentation wie Photographie oder Video-Aufzeichnung bewahrt werden kann. Sie hat, in der Spannung von ekstatischer Malaktion und Konzentration auf das während des Malens für sie hinter einer Leinwand oder Nessel nur als Schatten, bzw. Körperrelief sichtbare Modell, eine neue Art von Bildern geschaffen, in denen die Wahrheit nicht allein auf der Vorderseite und auch nicht hinter dem Bild, sondern in der Verschmelzung von beidem besteht. Einfacher gesagt: sie kann nur malen, was sich gemeinsam mit der tanzenden und sich bewegenden Partnerin oder dem Partner ergibt. Die Spannungen zwischen der eigenen konzentrierten, aufs Werk gerichteten Erregtheit und den Bewegungen des Modells lassen Willkür nicht oder kaum zu. Es geht der Malerin um eine Wirklichkeit des Bildes aus sinnlicher Kraft und gleichzeitig um eine Malerei, zu der – sie hat es mehrfach gesagt – Liebe die Voraussetzung ist.

Einige Bilder "enden" damit, daß das Modell, an einer von der Künstlerin angegebenen Stelle, die Leinwand aufschlitzt und unter Umständen auch durch das Bild nach vorn hindurchsteigt. Die Öffnung wird zum symbolischen Akt und zur Befreiung, aber auch zum Zeichen der Vereinigung. In solchen Momenten sieht Barbara Heinisch eine Erfüllung, die über das Bild hinausgeht. Ihre Malerei verlangt eine Disziplin, die Selbstdarstellung in der Malaktion so gut wie ausschließt. Extreme begegnen sich, mit allen Risiken des Gelingens und des Nicht-Gelingens: gewissermaßen Ekstase unter Kontrolle.

Doris Schmidt